„Ich hatte zwei Mütter“, erzählt Irena Veisaitė: „Eine wurde während des Holocaust ermordet, die andere hat in einem sowjetischen Gulag gelitten.“ Irenas biologische Mutter töteten die Deutschen 1941, weil sie Jüdin war. Irena selbst konnte als junges Mädchen mit der Hilfe einer befreundeten litauischen Familie aus dem Ghetto von Kaunas nach Vilnius fliehen. Dort wurde sie von Stefanija Ladigiene, einer mutigen Christin, aufgenommen, die bereits sechs eigene Kinder hatte und sich großer Gefahr aussetzte, um Irena zu retten.
Ihre Lebensgeschichte hat Irena Veisaitė 2004 in einem langen Interview dem Holocaust Museum in Washington erzählt. Dieses und andere Gespräche nutzt die Filmemacherin Giedrė Žickytė für ihr beeindruckendes Porträt von Irena, die nach dem Krieg in Moskau ausgerechnet Germanistik studierte und in Leningrad über Gedichte von Heinrich Heine promovierte. Giedrė Žickytė feiert in ihrer Hommage eine Jüdin, Völkerverständigerin und polyglotte Intellektuelle, die man im Film neben ihrer litauischen Muttersprache auch fließend auf Englisch, Deutsch und Russisch reden hört. In einer bewegenden Szene spricht sie mit ihrem Freund, dem weltberühmten estnischen Musiker Arvo Pärt, auf Russisch und erinnert ihn an eine Aufführung seines berühmten Klavierstücks „Für Alina“.
Text: Jörg Taszman