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© Esra Rotthoff

„Jüdisches Kino langweilt nicht“

Das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg (JFBB) wurde 1995 von Nicola Galliner gegründet. Heute ist es das größte jüdische Filmfestival in Deutschland.

Das JFBB bildet die ganze Vielfältigkeit jüdischen Lebens und Alltags ab. Das große Spektrum der Geschichten und porträtierten Figuren ermöglicht dem Publikum, Judentum auf eine ganz andere Weise wahrzunehmen als üblich – losgelöst von aktuellen Tagesnachrichten, nachdenklich, oft mit einem Augenzwinkern, zwischen hintergründigem Nachdenken und diskursivem Tiefgang. Auf diese Weise bietet es dem Publikum vielgestaltige Anknüpfungspunkte, jüdische Identitäten kommen in all ihrer Lebendigkeit, Aktualität und stetigem Wandel auf die große Leinwand.
Gleichzeitig ist es weiterhin Aufgabe des Festivals, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten und antisemitischen Einstellungsmustern in all seinen offenen und subtilen Denkmustern zu begegnen. Es zeigt internationale Filme aller Genres vom Experimentalfilm bis zur TV-Serie zu jüdischen Themen.

Neben zwei Wettbewerbssektionen für Spiel- und Dokumentarfilm erkunden und diskutieren Hommagen für einzelne Filmschaffende, historische und politische Reihen und Specials die Geschichte, Gegenwart und Zukunft jüdischen Lebens. Das Festival wird von Bildungsveranstaltungen und einem Rahmenprogramm flankiert. Das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg findet von 12. bis 22. August 2021 in Berlin und Potsdam statt.

Zur Geschichte und Gegenwart des Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg

Das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg wurde 1995 von Nicola Galliner, damals noch im Rahmen der Kulturarbeit der Jüdischen Gemeinde Berlin, gegründet. Seitdem entwickelte es sich kontinuierlich weiter, wurde bald unabhängig und dehnte sein Festivalgebiet auf ganz Berlin und Potsdam auf. Heute ist es das größte jüdische Filmfestival in Deutschland.

Es gibt viele Gründe, ein jüdisches Filmfestival zu machen. Zunächst einmal ist da die lange Geschichte jüdischen Filmschaffens, die fast so alt ist wie die Geschichte des Films selbst. Eine Geschichte, die einen ihrer Anfänge in der jiddischen Theater- und Literaturtradition nahm, wie die mit Schauspielern des jiddischen Theaters Wien inszenierte Komödie „Ost und West“ (1923) oder die zwei Jahre später in der Sowjetunion entstandene Scholem Alejchem-Adaption „Russisches Glück“. Die weitere Geschichte ist von den Karrieren jüdischer Produzenten geprägt, die nicht nur die Erfolgsgeschichte Hollywoods prägten, sondern gut gemachtes Unterhaltungskino an sich. Von politisch verantworteter Repression, von Berufsverboten, Holocaust und dem Zwang, ins Exil zu gehen. Von neuen Karrierechancen, aber auch dem Scheitern im Exil. Von Filmen, die, oftmals verbunden mit dem Aufbau-Pathos sozialistischer Film-Provenienz, das Nation-Building in Palästina bzw. Israel verhandeln. Von den, bis heute, damit verbundenen gesellschaftlichen Friktionen. Von der Shoah und den damit verbundenen Traumata. Von der Geschichte, Gegenwart und Zukunft jüdischen Lebens. Von der Aufarbeitung dieser Traumata und der Geschichte, die sie erzeugt hat, in einem jüdisch-nichtjüdischen Kontext.

Viele Epoche-machende Dokumentar- und Spielfilme sind hier entstanden. Damit ist jüdisches Kino von Anfang an Teil der Mitte der Gesellschaft: es verhandelt zentrale Fragen der condition humaine und des gesellschaftlichen Miteinanders. Es fragt nach der Verantwortung für die Geschichte – und, gerade in Zeiten zunehmend akuter werdender Verschwörungstheorien, nach den Hintergründen und fatalen Gefahren des Antisemitismus. Der Verschwörungstheorie an sich, die anderen Verschwörungstheorien als Blaupause dient. Was sich nicht allein, aber doch auffallend oft, dadurch beweist, dass Verschwörungstheoretiker, wenn sie nicht bereits mit Antisemitismus anfangen, doch häufig genug mit ihm enden.

Doch jüdisches Kino ist vor allem auch: unterhaltsam. Neben den erwähnten Hollywood-Pionieren verbinden sich damit auch Namen wie Woody Allen, Stanley Kubrick und Steven Spielberg. Aber was macht nun einen Film jüdisch? Nur das Thema? Die Herkunft des Regisseurs, der Schauspielerinnen oder der Drehbuchautorin? Dieses Thema bewegt auch das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg seit seiner Gründung. Der Geschichts- und Kulturwissenschaftler Frank Stern fragte 2019 in der Festschrift zum 25. Jubiläum des Festivals: „War und ist jeder Film mit Natalie Portman, Gal Gadot, Sharon Brauner oder Michael Degen ein jüdischer Film? Natürlich nicht. (Aber meist schon.) Bei der Frage nach dem Jüdischen im Film zählen der Inhalt, die jüdische Geschichte, die jüdische Atmosphäre, die Aura des Jüdischen um Liebe, Familie, Tradition, Erinnerung und Trauma, Körperlichkeit und Spiritualität. Da reichen nicht Menora und Käppchen als betulicher Fillmhintergrund. … Ein jüdisches Thema oder die Gestalt einer Jüdin oder eines Juden aus politischer Korrektheit, antisemitischer Häme oder als philosemitischer Kitsch machen noch keinen jüdischen Film aus.“
Der Publizist Henryk M. Broder beantwortete die Frage „was macht einen Film jüdisch?“ in der Festschrift zum zehnjährigen Jubiläum des Jüdischen Filmfestival Berlin gewohnt pointiert: „Alles, was nicht langweilig ist, ist jüdisch. Denn entgegen allen Vorurteilen gibt es nur einen Bereich, in dem Juden in der Tat dominieren. Es ist nicht das Bankwesen, nicht die Börse, nicht das Billard-Spiel. Es ist die Unterhaltung, das Showbusiness. … Was also macht einen jüdischen Film aus? Dasselbe, was ein jüdisches Buch oder jüdische Musik ausmacht. Er langweilt nicht. Kaum, dass er begonnen hat, ist er schon vorbei. Zwischen Anfang und Ende liegen 60, 120 oder 180 Minuten, doch es kommt nur auf die gefühlte Zeit an. Wenn es mehr als zehn Minuten sind, dann ist es kein jüdischer Film.“
Zum Glück lässt sich also die Frage, was jüdisches Kino eigentlich ist, kaum oder nur annäherungsweise beantworten. Es ist auf jeden Fall ungemein vielfältig, ungemein international und ungemein streitbar im besten Sinn. Es ist, wie seine Macherinnen, Macher und Protagonisten mit der Geschichte und Zeitgeschichte verwoben. Es ist geprägt von der jüdischen Tradition des Lernens, vom Diskurs und dem gleichzeitigen Blick auf die Dinge aus unterschiedlichsten Perspektiven. Es ist sicherlich auch geprägt von dem jüdischen Humor, der, ähnlich der von Frank Stern erwähnten Menora und Kippa, bei all seiner faszinierenden Einzigartigkeit aber auch schon wieder fast zum Klischee geworden ist. Auch er hat, wie alles, seine Wurzeln in gesellschaftlicher Erfahrung und ist deshalb so wunderbar mehrdeutig. Dazu führte die Politikwissenschaftlerin und Judaistin Sylke Tempel in der Festschrift zum zehnten Jubiläum des Jüdischen Filmfestival Berlin aus: „Jüdischer Humor ist Jüngste-Geschwister-Humor. Man hat es ausschließlich mit stärkeren Mächten zu tun. Und mit einer übergeordneten Instanz (der Mutter, in Israel/Palästina auch: UN, EU, USA etc.), die Gerechtigkeit mit Hilfe der ultimativen Ungerechtigkeit herzustellen versucht: ‚Wenn ihr nicht gleich aufhört zu streiten, kriegt ihr alle eine geschallert. Egal, wer angefangen hat.‘ Als jüngstes der Geschwister muss man Schwäche mit Selbstironie und Verhöhnung des Stärkeren wettmachen, um sich die eigene Würde zu erhalten und einen inneren Schutz gegen die Übermacht zu schaffen. Das entspricht in etwa der jüdischen Erfahrung. Jüdischer Humor ist dementsprechend subversiv.“

Es ist eigentlich verwunderlich, dass vor dem Hintergrund dieser langen Geschichte des jüdischen Kinos, dessen vielfältiger Diskurstiefe und der engen Verwobenheit mit schicksalhafter Erfahrung, Antisemitismus und politischen Debatten erst 1981 in San Francisco das erste jüdische Filmfestival überhaupt gegründet wurde. Eine Initialzündung – heute sind die vielen jüdischen Filmfestivals in aller Welt aus der internationalen Festivalszene nicht mehr wegzudenken.
Nicola Galliner gründete das Jüdische Filmfestival Berlin 1995 mit - so die Legende - einem Filmprogramm, das ihr das Jüdische Filmfestival San Francisco per Post geschickt hatte, im Berliner Kino Arsenal mit acht Filmen. Diese erste Ausgabe begründete eine Erfolgsgeschichte, die die Filmliebhaberin mit der ihr eigenen Energie, Herzlichkeit und Lebensfreude über ein viertel Jahrhundert weiterschrieb. Unter Nicola Galliners kluger und weitsichtiger Leitung begleitete das Festival Filmschaffende auf deren Weg, regte zur Diskussion an und sorgte mit Hilfe der präsentierten Programme für kulturelle Verständigung. Es wurde zu einem der größten jüdischen Filmfestivals in Europa, in der Gästeliste finden sich Namen wie die der späteren Oscar-Preisträgerin Susanne Bier, dem Berliner Erfolgsproduzenten Artur Brauner, dem belarussischen Dokumentarfilmer Juri Chatschewatski, dem Hollywood-Star Carol Kane und dem US-amerikanischen Independent-Kino-Pionier John Turturro, um nur fünf von vielen zu nennen.

Bereits die Aufzählung dieser Handvoll Namen zeigt, wie ein jüdisches Filmfestival die kreative Balance zwischen Unterhaltung und Reflektion schaffen kann. Ein jüdisches Filmfestival in Berlin zu organisieren, der Stadt, von der aus der Holocaust vorbereitet, geplant und organisiert wurde, ist dabei mit einer besonderen Verantwortung verbunden. Zum 25jährigen Jubiläum ihres Festivals schrieb Nicola Galliner: „Eines unserer großen Anliegen war und ist es, jüdisches Leben, jüdische Biographien nicht in einer tradierten, oft ausschließlichen ‚Opferrolle‘ abzubilden. In all den Jahren war es uns immer wichtig, diesen einseitigen Blick aufzubrechen und so um die gegebene Komplexität zu erweitern. Aufzuzeigen, dass das Judentum vor allem eines ist, nämlich höchst lebendig.“

Dieses Credo gilt bis heute. Dem exzellenten Ruf des Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg in der Welt gerecht werden, die durch Nicola Galliners Tun geprägte, erfolgreiche Festivalhistorie mit dessen Leitlinien fortzuschreiben und gleichzeitig das Festival weiterzuentwickeln, sind die Ziele des neuen Geschäftsführer-Duos Doreen Goethe und Andreas Stein, die in der Festivalwelt als Köpfe des FilmFestival Cottbus bereits bestens bekannt sind. 2021 markiert die erste Ausgabe des renommierten Filmfestivals, das von der eigens dafür ins Leben gerufenen JFBB UG veranstaltet wird, nachdem sich die Gründerin Nicola Galliner in den Ruhestand verabschiedet hat.

Mit seinem Programm, für das von nun an ein Programm-Kollektiv verantwortlich ist, will das Festival auch künftig die ganze Vielfältigkeit jüdischen Lebens und Alltags abbilden und dazu die ganze Bandbreite guter Unterhaltung nutzen. Das große Spektrum der Geschichten und porträtierten Figuren ermöglicht dem Publikum, Judentum auf eine ganz andere Weise wahrzunehmen als üblich – losgelöst von aktuellen Tagesnachrichten, nachdenklich, oft mit einem Augenzwinkern, zwischen hintergründigem Nachdenken und diskursivem Tiefgang. Auf diese Weise bietet es dem Publikum vielgestaltige Anknüpfungspunkte, jüdische Identitäten kommen in all ihrer Lebendigkeit, Aktualität und stetigem Wandel auf die große Leinwand. Gleichzeitig ist es weiterhin Aufgabe des Festivals, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten und antisemitischen Einstellungsmustern in all seinen offenen und subtilen Denkmustern entschieden zu begegnen.

Ein besonderes Augenmerk legt des Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg auf der Entdeckung und Förderung junger Filmemacher in Deutschland und Israel. Die israelischen Filme im Programm bringen Geschichten von Menschen und ihrem Alltag jenseits der Nachrichtenbilder und Medienklischees. Im Rahmen seiner Arbeit vernetzt sich das Jüdische Filmfestival Berlin und Brandenburg mit anderen Festivals, mit Institutionen, Museen und Stiftungen, Partnern aus Kunst, Kultur und Politik sowie natürlich Filmförderungen, Verleihern und den Filmschaffenden, die im Zentrum des Interesses stehen. Ihre Blicke, ihr aufmerksames Hingucken, ihr Talent, uns zu bewegen, sind der Hummus jeder guten Debatte über das, was wir alle gerade so dringend brauchen – gerade unter den Vorzeichen verhärteter Corona-Diskussionen. In unserem Fall differenzierte Blicke auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft (nicht nur, aber vor allem) jüdischen Lebens für ein jüdisches und nicht-jüdisches Publikum.