Schauspieler Jonas Chernick verkörpert in der Rolle des mäßig erfolgreichen Schriftstellers und Universitätsdozenten Joel eine Art Archetyp des jüdischen Kinos: Ein neurotischer Intellektueller voller Selbstzweifel, dessen Witze sich meist gegen ihn selbst richten und der eine Begabung für negatives Denken hat. Was an die Figuren erinnert, die Woody Allen in vielen seiner Filme präsentiert hat, erfährt hier ein grundlegendes Update für das 21. Jahrhundert. Joel ist stets um Korrektheit bemüht, entschuldigt sich für (das trotzdem vorgetragene) Mansplaining und erfragt beim Sex ausführlich das Einverständnis seiner Partnerinnen.
Auch einem mittelalten Mann ist es heute erlaubt, über Gefühle zu reden – worin Joel sich ausgiebig versucht. Das klappt besser mit den Menschen, die er neu kennenlernt und schlechter mit den Vertrauten von früher. So nehmen die Ablösungsprozesse ganz eigenwillig ihren Lauf. Ein stiller, lakonischer Film, in dem wechselhafte Stimmungen und inneres Erleben mehr Platz einnehmen als die äußere Handlung. Zum Glück gehört zu Joels Archetyp auch viel Humor – am Galgen, im Bett und anderswo.
Text: Susanne Stern