Der Oscar-, Emmy- und Peabody-prämierte Dokumentarfilmregisseur Dan Sturman und sein Team begeben sich diesmal selber auf eine Mission. Im Mittelpunkt ihrer Reise steht ein lange verschollener Schatz: Eine Briefmarkensammlung von unschätzbarem Wert, die ihren jüdischen Besitzern im Zweiten Weltkrieg gestohlen und angeblich in einem Keller versteckt wurde. Jahrzehnte später scheint sich dem Filmteam eine Gelegenheit zu bieten, den Schatz zurückzuholen und damit ein historisches Unrecht zurechtzurücken.
Doch die bürokratischen Mauern und das Misstrauen im heutigen Polen zu durchdringen, ist alles andere als einfach. Mittels der einzigen Waffe, die sie wirklich beherrschen – dem Kino – schmieden sie einen verwegenen Plan, der direkt aus einem Spionagethriller stammen könnte: als Tarnung für ihre Spurensuche errichten sie ein fiktives Filmset.
Getrieben von dem unerschütterlichen Glauben an die Rechtmäßigkeit ihrer Mission, verlieren sie allmählich aus dem Blick, dass die Wirklichkeit kein Drehbuch ist – und sich nicht alles kontrollieren lässt.
Was in verspieltem, fast schelmischem Ton beginnt, wird nach und nach zu weitaus mehr: einem Film, der zum kritischen Porträt seiner eigenen Macher wird. Wie weit darf man graben – im wörtlichen wie im moralischen Sinne? Ab wann beginnt der Wunsch, die Erzählung zu kontrollieren, uns selbst zu kontrollieren? Verschieben sich ethische Grenzen, wenn ererbtes Trauma im Spiel ist? Und wäre es manchmal klüger, Gewissheiten loszulassen – die Zeichen am Wegrand wahrzunehmen, selbst wenn sie auf der Karte, die wir zeichnen wollten, nicht vorgesehen sind?
Mit rasiermesserscharfem Humor und einem schonungslosen Blick auf Obsession in all ihren Schattierungen ist THE STAMP THIEF zugleich unterhaltsames Gauner-Abenteuer und eine leise verstörende Reflexion über Erinnerung, Gerechtigkeit und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen.
Text: Naomi Levari
Weitere Vorführung:
6.05. 19:00 JÜDISCHES GEMEINDEHAUS
Fasanenstraße 79-80 | 10623 Berlin