Auf diesen Bildern entdeckte der Regisseur Nadine Hwang. Ihre Spuren führen ihn schließlich zu Sylvie Bianchi, der Enkelin von Nelly Mousset-Vos. Er begleitet sie, wie sie sich erstmals dem Nachlass ihrer Großmutter widmet. Zwischen Tagebüchern, Gedichten und Fotografien öffnet sich ein zutiefst persönliches Archiv. Beim Lesen der Liebesbriefe und Lagerberichte begreift sie, wer ihre Großmutter jenseits familiärer Erzählungen war.
1944 verlieben sich die belgische Opernsängerin Nelly und die französisch-chinesische Diplomatentochter Nadine im KZ Ravensbrück. Nelly ist wegen Spionage als politischer Häftling inhaftiert: Sie arbeitete als Kurierin für die belgische Widerstandsgruppe „Luc“. Der genaue Grund für Nadines Inhaftierung ist bis heute unklar. Vermutlich half sie Menschen bei der Flucht nach Spanien. Nach dem Krieg finden sie wieder zusammen und leben in Südamerika als „Cousinen“. Von der lesbischen Szene im Paris der 1920er-Jahre bis zu einem selbstgeschaffenen queeren Netzwerk in Venezuela gibt der Film seltene Einblicke in ein queeres Leben über Jahrzehnte und Kontinente hinweg.
Die Dokumentation macht eine queere Überlebensgeschichte sichtbar, die lange keinen Platz im kollektiven Gedächtnis hatte. Nelly und Nadine hatten ihre gemeinsame Geschichte selbst aufgeschrieben und versucht, ihre Memoiren zu veröffentlichen, doch zu ihren Lebzeiten fand sich kein Verlag dafür. Erst der Film bringt ihre Aufzeichnungen und Erinnerungen einer breiteren Öffentlichkeit näher. 2022 wurde Nelly & Nadine bei der Berlinale mit dem Teddy Jury Award ausgezeichnet.
Text: Esther Göttert