Der Roman „Blumen der Finsternis“ des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld galt lange als unverfilmbar, weil der im Schrank versteckte Junge sich ganz auf seinen Hörsinn verlassen muss, um herauszufinden, was um ihn herum geschieht. Für Regisseur und Drehbuchautor Emmanuel Finkiel bestand die größte Herausforderung darin, adäquate Bilder zu finden, die sich über einen strengen Realismus erheben. Hugo flüchtet sich oft in Tagträume und Erinnerungen und verleiht dem Film so eine weitere, visuell überhöhte Ebene. Finkiel zeigt die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Czernowitz durch die Deutschen unter Mithilfe ukrainischer Kollaborateure teils zurückhaltend, teils in drastischen Bildern. Er thematisiert aber auch die aufkeimende Sexualität des Jungen: Hugo bekommt natürlich mit, was in dem Bordell mit Mariana geschieht, und reagiert zunehmend eifersüchtig.
Neben der exzellenten Kameraarbeit von Alexis Kavyrchine, der oft mit Cédric Klapisch („Die Farben der Zeit“) drehte, beeindruckt vor allem die französische Schauspielerin Mélanie Thierry als Mariana. Für ihre Rolle lernte sie zwei Jahre lang Ukrainisch und wurde für ihre intensive, beklemmende und komplexe Figurenzeichnung 2026 völlig zurecht für einen César als Beste Hauptdarstellerin nominiert.
Text: Jörg Taszman